Aktiv werden

Aufruf zur Einrichtung von Gentechnikfreien Regionen

27. Januar 2004

Liebe Freundinnen und Freunde,

in den letzten Wochen hat das Thema „Agro-Gentechnik“ enorme Aufmerksamkeit erfahren und das ist gut so. Denn mit den Beschlüssen der Europäischen Union vom letzten Jahr ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die damit enden kann, dass schon bald auch in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut werden.

1998 hatten die EU-Staaten die Zulassung Gentechnisch Veränderter Organismen (GVO) ausgesetzt, um erst Regelungen zu treffen, die Wahlfreiheit für Landwirte und Verbraucher sicherstellen sollten. Die Verabschiedung der Kennzeichnungsregelung für gentechnisch veränderte Futter- und Lebensmittel im Jahr 2003 hat dafür die wichtigste Voraussetzung geschaffen. Ab 18.4.2004 gilt die Kennzeichnungs-Pflicht für alle Produkte, die aus GVO hergestellt wurden – nicht jedoch für tierische Erzeugnisse, die mit GVO-Futter hergestellt wurden. Selbstverständlich bleibt die Anwendung von GVO im ökologischen Landbau auf allen Stufen verboten – worauf wir unsere Kunden hinweisen müssen!

Eine entsprechende Regelung für Saatgut steht noch aus, weil man sich noch nicht auf einen Grenzwert geeinigt hat, bis zu dem unbeabsichtigte Präsenz von GVO in Saatgut nicht zur Kennzeichnung führt. Die BÖLW-Mitgliedsverbände, Umwelt- und Verbraucherverbände, die Grünen und die SPD-Mitglieder im Agrarausschuss fordern eine Kennzeichnung schon ab der Nachweisgrenze (0,1%), während die anderen SPD-Ressorts und die Opposition höhere Verunreinigungen zulassen wollen.

Die EU-Kommission hat aber die Frage der Koexistenz, also der Regelung eines „Miteinander“ von GVO-Produktion und Anbau ohne Gentechnik auf die Mitgliedsstaaten verlagert, so dass hier entsprechende Gesetze erlassen werden müssen. Das in diesen Tagen vorgelegte deutsche Gentechnikgesetz kann unseres Erachtens den Schutz der Produktion ohne GVO nicht gewährleisten. Wir arbeiten intensiv daran, dass an dem Gesetz noch Korrekturen vorgenommen werden. Eine andere Möglichkeit auf das Gesetz zu reagieren, ist die Schaffung von Gentechnikfreien Regionen auf freiwilliger Basis. Folgende Gründe sprechen dafür:

- Da die weit überwiegende Mehrzahl der Verbraucher Gentechnik im Essen ablehnt, besteht nicht nur ein Anrecht darauf, Lebensmittel ohne Gentechnik herzustellen, sondern auch ein für konventionelle und Bio-Betriebe gleichermaßen großer und interessanter Markt für solche Produkte. Eine entscheidende Rolle wird die Frage spielen, ob Verbraucher bereit sein werden, Gentech-Produkte zu kaufen und ob Landwirte GVO anbauen.

  • Vermarktungsprobleme (z.B. für Ökolandwirte) können vermieden werden und die Glaubwürdigkeit gegenüber den Verbrauchern bleibt erhalten. Dies ist bei Direkt- oder regionaler Vermarktung besonders bedeutsam.
  • Gentechnikfreie Regionen sind eine Möglichkeit um Risiken der Gentechnik für Mensch und Natur vorzubeugen.
  • Durch die Agro-Gentechnik kommen unübersehbare Kosten auf die Landwirte zu, die durch die Einrichtung Gentechnikfreier Regionen verhindert oder minimiert werden können.
  • Die bäuerliche Unabhängigkeit kann erhalten werden.
  • Zu befürchtende Konflikte zwischen Nachbarn können vermieden werden.

Wir wollen die vielen Bestrebungen in ganz Europa zur Einrichtung Gentechnikfreier Regionen unterstützen. Durch die vielen Mitglieder unseres Verbandes und gleich gesinnter Organisationen sollte es möglich sein, schnell flächendeckend hierfür initiativ zu werden.

Wir schlagen Ihnen vor, in Ihrer Gemeinde für eine solche Region aktiv zu werden. Ein guter Weg wäre, dies über das Kommunalparlament zu tun, weil auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen wird und Medien und Mitbürger dazu gebracht werden, sich mit der Frage auseinander zu setzen. Dabei ist es hilfreich, so vorzugehen, dass eine Initiative nicht gleich mit einer Mehrheit im Parlament gestoppt werden kann.

Wir halten es deshalb für viel versprechend, erst einmal einen Antrag zu stellen, der die Kommune verpflichtet, ihre Landwirte und Grundbesitzer zu einem Meinungsaustausch zur Frage einer Gentechnikfreien Region einzuladen. Eine entsprechende Antragsformulierung liegt bei. Es sollte leicht sein, die örtlichen Medien bei der Einbringung des Antrages und die folgenden Schritte dazu zu bringen, über den Vorgang zu berichten. Damit Sie in der dann folgenden Versammlung der Bauern und Verpächter über die nötigen Argumente verfügen, haben wie einen Argumentationsleitfaden für Sie zusammengestellt. Er befasst sich nicht in erster Linie mit den Risiken der Gentechnik, die bei einer so jungen Technologie nur schwer mit konkreten Beispielen zu belegen sind, sondern mit dem unbestreitbaren Recht der Wahlfreiheit für Erzeuger, Lebensmittelverarbeiter, Handel und Verbraucher.

Schließlich enthält unser Paket den Entwurf einer Selbstverpflichtungserklärung, mit der sich die Beteiligten zu einer gentechnikfreien Region zusammenschließen können. Es kann im Einzelfall sinnvoll sein, keine zu hohen Hürden aufzubauen – also z.B. nicht zu fordern, dass auf die Verfütterung von gentechnisch verändertem Soja verzichtet wird, weil noch gar nicht absehbar ist, wie es möglich sein wird, es in ausreichender Menge zu bekommen. Unmittelbares Ziel ist es, wenigstens für das kommende Jahr einen Verzicht auf Einsatz von GVO zu erreichen.

Die mindeste Wirkung einer solchen Initiative wäre, dass die konventionellen Landwirte dazu gebracht werden, sich mit der Frage auseinander zu setzen – was bislang selten geschehen ist. Die begleitende Medienarbeit trägt zur Information der Verbraucher bei. Glückt es, eine gentechnikfreie Region zu vereinbaren, ist dies ein weiteres wichtiges Signal an den Markt, auf Gentechnik zu verzichten und hilft den unmittelbar betroffenen Landwirten, eine sehr reelle Marktchance ohne zu großen Aufwand wahrzunehmen. Auch wird dann erreicht, dass vor dem Aussteigen aus der Vereinbarung sich die Beteiligten erneut der Diskussion stellen müssen.

Selbstverständlich gibt es andere Möglichkeiten, in diesem Anliegen aktiv zu werden – unsere Materialien sollen Ihnen nur einen Weg aufzeigen und Sie ermutigen jetzt für ein Anliegen aktiv zu werden, bei dem es sehr konkret und bedrohlich um die Zukunft des Ökologischen Landbaus geht!

Sie können weiterführende Informationen finden unter www.keine-gentechnik.de, www.faire-nachbarschaft.de und unter www.transgen.de

Mit freundlichen Grüßen

 

 
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