Ein Argumentationsleitfaden für
Bäuerinnen, Bauern und Gemeinden
Wahlfreiheit der Verbraucher und Landwirte
bedroht
Zehn gute Gründe für die Schaffung
von gentechnikfreien Regionen:
1. Gentechnikfreie Regionen fördern
die Partnerschaft zwischen Bauern und Verbrauchern
Ein Bauer in Deutschland ernährt heute rund 125 Menschen.
100 davon, das zeigen Umfragen, wollen kein Gen-Food auf
ihren Tellern. Diesem Wunsch zu entsprechen, dazu bekennen
sich 70 Prozent aller Bauern. Sie wollen marktorientiert
wirtschaften, gentechnikfreie Produkte erzeugen und sich
auch in Zukunft das Vertrauen der VerbraucherInnen sichern.
Gelingen wird ihnen dies auf Dauer jedoch nur dann, wenn
sie durch das Wirtschaften in gentechnikfreien Regionen
Verunreinigungen verhindern können.
2. Gentechnikfreie Regionen sichern die Wahlfreiheit
Landwirte und Lebensmittelproduzenten sollen auch zukünftig
gentechnikfrei produzieren können. Und auch VerbraucherInnen
wollen tatsächlich wählen können und nicht
auf die Wahl zwischen mehr oder weniger gentechnisch verunreinigten
Produkten beschränkt werden.
Bauern haben ein Recht darauf weiter gentechnikfrei zu
produzieren und fordern ein, unbehelligt von denen, die
sich für GVO entscheiden wollen, für den Markt
zu produzieren, der Produkte ohne Gentechnik nachfragt!
Die freie Wahl der bevorzugten Produktionsweise und Lebensmittelprodukte
kann jedoch nur dann langfristig gesichert werden, wenn
die biologische und konventionelle Produktion ohne Gentech-Verunreinigungen
möglich bleibt und nicht mit den Kosten einer GVO-Produktion
belastet wird.
3. Gentechnikfreie Regionen verhindern Mehrkosten
Bei der Koexistenz zwischen GVO-Anbau und Produktion ohne
GVO müssen Landwirte Maßnahmen treffen, um Verunreinigungen
zu verhindern. Sie müssen sich untereinander absprechen
und einigen, Hecken pflanzen, die als Pollenbarrieren dienen
sollen, fixe Abstandsregeln einhalten, Fruchtfolgen anpassen,
die Warenflüsse trennen und Kontrollen durchführen.
Das alles kostet Zeit, Energie, Geld und Nerven - Ressourcen,
die anderweitig sinnvoller genutzt werden können. Die
Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission hat errechnet,
dass sich die Anbaukosten zur Sicherung einer gentechnikfreien
Produktion bei Raps, Mais und Zuckerrüben um wenigstens
5 bis 10 Prozent erhöhen, im Extremfall sogar um 40
Prozent. Nicht einmal berücksichtigt sind in der im
Jahr 2002 erschienenen Studie die Kosten zur Trennung der
Warenströme im der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten
Bereich. Wenn dies nicht ausdrücklich anders geregelt
wird, könnte es sogar so weit kommen, dass die Kosten
denjenigen angelastet werden, die weiterhin gentechnikfrei
produzieren wollen. Eine Möglichkeit, sich diese Kosten
zu sparen, ist das Wirtschaften in gentechnikfreien Regionen.
4. Gentechnikfreie Regionen sichern Einnahmen
und schaffen Planungssicherheit
Ohne Gentechnik produzierende Landwirte erleiden Verluste,
wenn ihre Ernten verunreinigt sind. Ein Biobauer kann seine
kontaminierten Produkte nicht mehr als "Bio" vermarkten,
sondern muss sie zu einem tieferen Preis als gentechnisch
verunreinigtes Produkt verkaufen. Zudem droht ihm im Extremfall
der Verlust seiner Ökozertifizierung - so geschehen
in Spanien und Kanada. Doch auch konventionelle Landwirte
müssen befürchten, dass sie ihre Ernten nach einer
Verunreinigung nicht mehr oder nur mit Preisabschlägen
verkaufen können. Inzwischen haben fast alle großen
Supermarktketten in Deutschland erklärt, dem Wunsch
der VerbraucherInnen nach gentechnikfreien Lebensmitteln
zu entsprechen; Firmen wie Unilever, MacDonalds, tegut,
Wiesenhof und Edeka setzen seit Jahren auf gentechnikfreie
Produkte. Bio- und konventionelle Landwirte können
ihre Einnahmen nur dann sicher planen, wenn sie in gentechnikfreien
Regionen ohne Verunreinigungen produzieren können.
5. Gentechnikfreie Regionen erschließen
und erhalten neue Absatzmärkte
Gentechnikfreie Regionen können neue Absatzmärkte
erschließen. Das zeigt das Beispiel Mais: In den USA
bauen Landwirte seit 1996 großflächig Gentech-Mais
an. Seither sind die Exporte von Mais in die EU und nach
Japan zusammengebrochen. Da die europäischen VerbraucherInnen
keine Agro-Gentechnik wollen, die USA jedoch aufgrund allgegenwärtiger
Verunreinigungen kaum mehr gentechfreie Chargen liefern
können, haben die europäischen Händler den
Partner gewechselt. Jetzt beliefern Länder, in denen
keine Gentech-Mais-Sorten angebaut werden, den EU-Markt
mit Mais im Wert von jährlich 300 Millionen US-Dollar
– Einnahmen, die den amerikanischen Landwirten verloren
gegangen sind und unseren Landwirten zugute kommen.
Weil es bisher so gut wie keinen kommerziellen Anbau von
gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU gibt, verfügt
die hiesige Landwirtschaft zurzeit noch über einen
großen Wettbewerbsvorteil: Sie kann die Nachfrage
nach garantiert gentechnikfreien Produkten befriedigen -
und das nicht allein für den EU-Binnenmarkt ab 2004
470 Millionen VerbraucherInnen, die in ihrer großen
Mehrheit Gentechnik ablehnen, sondern auch für den
asiatischen und den US-Markt.6. Gentechnikfreie Regionen
erhalten die bäuerliche Unabhängigkeit
Gentechnisch veränderte Sorten unterliegen dem Patentschutz.
Die wenigen großen Saatzuchtfirmen, die Inhaber der
Patente sind (und das im Fall von Raps und Soja dazugehörige
Herbizid im Doppelpack dazu verkaufen) verlangen für
den Anbau Lizenzen. Der eigene Nachbau ist dann nur noch
nach Genehmigung durch den Patentinhaber und Bezahlung der
Lizenzgebühren möglich. Kommt es zu stärkeren
Verunreinigungen durch GVO im eigenen Saatgut, besteht die
Gefahr, dass auch hierfür Patentschutz geltend gemacht
wird.
7. Gentechnikfreie Regionen erhalten den
Wert des Bodens
Der Anbau von Gentech-Pflanzen führt zu einer Wertminderung
des Bodens, weil dort verbleibende Samen eine Umstellung
von Gentech-Anbau auf gentechnikfreie Produktion über
längere Zeit hinweg verhindern. Denn: Samen von Gentech-Pflanzen,
die auf dem Feld Ernterückstände bilden oder bei
Transporten am Rande von Straßen oder Bahngleisen
verloren gehen, können in der folgenden Vegetationsperiode
als Durchwuchspflanzen auflaufen. Auf Rapsfeldern bleiben
nach der Ernte pro Hektar im Schnitt 200 bis 300 kg Samen
zurück, und in Norddeutschland ist ein Durchwuchs von
400 Pflanzen/m_ nicht ungewöhnlich. Rapssamen können
im Boden länger als zehn Jahre überdauern und
dann immer noch auskeimen. Deshalb haben fast alle evangelischen
Landeskirchen ihren Gemeinden empfohlen, auf ihren Flächen
den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zu
untersagen. Neben einer grundsätzlichen Skepsis gegen
den Einsatz der Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
verweisen sie auf die Wertminderung des Bodens und damit
ihres Besitzes.
8. Gentechnikfreie Regionen sorgen für
Transparenz
Wo sich Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen
befinden, soll ein öffentlich zugängliches Anbauregister
erfassen - so sieht es die EU-Gesetzgebung vor. Wie öffentlich
das Register dann tatsächlich sein wird - daran scheiden
sich die Geister: Wer wann mit welcher Berechtigung Zugang
zu flurstückgenauen Katastern haben wird, wie die Informationspflichten
der Bauern untereinander aussehen, das steht zurzeit noch
in den Sternen. Deshalb: Wenn Bauern nur eingeschränkten
Zugang zu Informationen über den Anbau von Gentech-Pflanzen
in ihrer Nachbarschaft haben, dann verhindern nur gentechnikfreie
Regionen böse Überraschungen durch plötzlich
auftretende Kontaminationsschäden.
9. Gentechnikfreie Regionen verhindern Konflikte
Was geschieht, wenn sich ein Bauer für den Anbau
von Gentech-Pflanzen entscheidet, sein Nachbar aber strikt
dagegen ist? Was passiert, wenn die Maßnahmen gegen
Verunreinigungen nicht greifen? Wenn Wind und Insekten den
Pollen der gentechnisch veränderten Pflanze ins Feld
des gentechnikfrei wirtschaftenden Bauern tragen? Wenn seine
Ernte trotz aller Vorkehrungen wie Sicherheitsabstände
und Pollenbarrieren kontaminiert wird? Die derzeit vorliegenden
Gesetzesentwürfe laden diese Frage alleine auf dem
Nachbarschaftsrecht ab. Dann bleibt dem geschädigten
Bauern nur die Möglichkeit, seinen Nachbarn zu verklagen.
Mit allen Folgen für das nachbarschaftliche Zusammenleben:
Die Gentechnik wird Zwietracht in den Dörfern säen.
10. Gentechnikfreie Regionen vermindern unverhältnismäßiges
Risiko
Bis jetzt hat sich noch keine Versicherung bereit gefunden,
das mit dem Anbau von Gentechnik verbundene Risiko zu decken.
Die Probe auf’s Exempel kann jeder selbst machen,
indem er seine eigene Betriebshaftplicht - Versicherung
anspricht. Ebenso wie für die Versicherungen ist aber
auch für Landwirte das Risiko unkalkulierbar: ein weiterer
Grund, klare Verhältnisse in gentechnikfreien Regionen
zu schaffen.
Dass dem Risiko keine nachvollziehbaren Chancen gegenüber
stehen, muss auch erwähnt werden. Denn produktionstechnisch
versierte Bauern schöpfen aus Bt-Mais und Roundup resistentem
Raps keine wirtschaftlichen Vorteile, die solche Risiken
oder auch die erhöhte Abhängigkeit von wenigen
Saatgutproduzenten wert wären. Gentechnikfreie Regionen
in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Naturnah, konfliktfrei und am Markt orientiert - so lauten
die Ziele der gentechnikfreien Produktion. Diese Ziele umzusetzen,
daran arbeiten unsere Nachbarländer bereits seit Jahren:
Österreich prüft die Einrichtung gentechnikfreier
Regionen von der Größe eines Bundeslandes und
produziert gentechnikfreies Saatgut. In der Schweiz haben
Bauern- und Verbraucherorganisationen ein Volksbegehren
lanciert, das die ganze Schweiz für die nächsten
fünf Jahre zur gentechnikfreien Region machen will.
Auch in Deutschland werden die Ziele umgesetzt. Drei Beispiele:
Die Zentralgenossenschaft Karlsruhe garantiert gemeinsam
mit ihrem elsässischen Partner Cooperative Agricole
Cereal, dass über 200 000 Tonnen Mais für die
Stärke- und Futterproduktion aus dem Rheinland ohne
Gentechnik sind. Viele Kirchengemeinden haben durch Klauseln
in ihren Pachtverträgen ausgeschlossen, dass auf kirchlichen
Ländereien Gentech-Pflanzen angebaut werden. Und in
Mecklenburg - Vorpommern sowie in der Schrofheide haben
sich unterstützt durch den Deutschen Bauernverband
(DBV) konventionelle und Biobauern zu gentechnikfreien Regionen
zusammengeschlossen.
Gentechnikfreie Gemeinden sorgen für positives
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