Nachrichten | 17.6.2006

Cholera-Kartoffel darf auf den Acker

Bundesregierung erlaubt erstmals Anbau von Pharmapflanzen in Deutschland

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat der Universität Rostock erlaubt, bis einschließlich 2008 drei verschiedene genmanipulierte Kartoffelsorten im Freiland anzubauen. Eine Kartoffellinie enthält Erbgut des Cholera-Erregers. Die so manipulierten Knollen bilden ein Eiweiß des Choleratoxins, das später als Impfstoff verwendet werden soll. Andere Kartoffeln wurden so manipuliert, dass sie einen Impfstoff gegen eine für die Tiere tödliche Kaninchen-Krankheit produzieren. Die dritte zugelassene Kartoffellinie soll ein Eiweiß bilden, das als Rohstoff in der Bauchemie und Waschmittelindustrie Verwendung finden könnte.

Die Genehmigung des BVL ist eine Premiere. Nie zuvor wurden Pharma-Pflanzen in Deutschland auf freiem Feld angebaut. Bislang sind Pharma-Pflanzen auch noch in keinem Land der Welt zum kommerziellen Anbau zugelassen. Das BVL kommt in seiner Sicherheitsbewertung zu dem Schluss, dass von dem Freisetzungsversuch keine schädlichen Einflüsse auf Menschen und Tieren sowie für die Umwelt zu erwarten sind. Die Umweltverbände und rund 2000 Einwender, die schriftlich gegen die Genehmigung protestiert hatten, sehen das anders.

„Es ist unbegreiflich, wie das BVL zu der Annahme kommt, dass der Versuch für Menschen, Tiere und Umwelt ungefährlich ist“, kritisierte Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Der NABU fordert Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer auf, die Zulassungen sofort zurückzuziehen. „Verbraucher und Umwelt müssen vor solchen Schnellschüssen geschützt werden“, warnte Tschimpke. Zuerst sollten ausreichend Daten zur Ungefährlichkeit von Pharmakartoffeln im Gewächshaus gesammelt werden. Gefährliche Pharmapflanzen sollten auch dort verbleiben. Der NABU stützte sich bei seiner Bewertung auf ein Gutachten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Dieses habe deutlich darauf hingewiesen, dass aufgrund der Ausbildung giftiger Inhaltsstoffe sowie der Ausbreitung der Gen-Kartoffeln durchaus schädliche Auswirkungen auf Mensch und Natur zu erwarten seien.

Andreas Bauer, Gentechnikreferent beim Umweltinstitut München, hält es für ausgeschlossen, im Freiland die vollständige Kontrolle über genmanipulierte Pflanzen zu behalten: "Die bisherigen Erfahrungen mit Gen-Pflanzen sind eindeutig. Sie können im Freiland nicht kontrolliert werden. Angesichts dieser Erkenntnisse ist der Anbau von Pharma-Pflanzen unverantwortlich." Zudem seien mögliche Umweltfolgen völlig unerforscht und die gesetzlich vorgeschrieben Sicherheitsmaßnahmen für Freisetzungsversuche mit Pharma-Pflanzen ungenügend.

Die Universität Rostock teilte mit, sie plane - bei geeigneter Wetterlage - die Kartoffeln am Mittwoch, den 21. Juni, auszupflanzen.

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