Nachrichten | 20.11.2006

Weil Auskreuzungen unvermeidlich sind:

Gentechnik-Konzerne wollen, dass Seehofer Verunreinigungen erlaubt

Die deutsche Biotech-Industrie will Verunreinigungen mit ungeprüften Gentechnik-Sorten legalisieren lassen. So steht es in einem vertraulichen Rechtsgutachten der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) vom Mai 2006, das der Umweltorganisation Greenpeace zugespielt wurde. Vorsitzender der Lobbyorganisation ist Bernward Garthoff, früheres Vorstandsmitglied der Bayer CropScience AG.

Bisher gilt, dass Gentechnik-Pflanzen, die in der EU noch keine Sicherheitsprüfung durchlaufen haben, in Lebensmitteln nicht nachweisbar sein dürfen. Bestes Beispiel dafür ist der Gen-Reis LL601 von Bayer. Weil sich in US-Langkornreis Spuren dieser Gentech-Sorte fanden, mussten die Anbieter ihren verunreinigten Reis aus den Regalen räumen. Quelle der Verunreinigung waren vermutlich Freisetzungsversuche in den Jahren 1998 bis 2001, bei denen sich der Gen-Reis vom Acker gemacht hatte. In den USA fordern Reisfarmern Farmern in Sammelklagen Schadensersatz von Bayer.

Ein solcher Schadensersatz könnte den Konzernen und ihren Forschern auch hierzulande blühen, wenn bei Freisetzungsversuchen das manipulierte Erbgut auskommt und sich in der Nahrungskette wiederfindet. Die Rechtsgutachter des DIB halten Auskreuzungen für unvermeidlich. Verunreinigungen mit Gen-Pflanzen im Zuge eines Freisetzungsversuches seien Folge eines "technisch unvermeidbaren natürlichen Prozesses". Deshalb sei es unverhältnismäßig, wenn Spuren von manipuliertem Erbgut in einem Lebensmittel dieses verkehrunfähig machen würden.

Der DIB schreibt: „Ernteprodukte von Äckern, die in der Nähe von genehmigten Freilandversuchen liegen, dürfen nicht unverkäuflich werden bzw. ihr Verkauf als ‚ungenehmigtes Inverkehrbringen' gelten, wenn sie geringe Mengen an gentechnisch veränderten Pflanzenbestandteilen der Versuchsfelder enthalten. Ansonsten wäre bei vielen Pflanzen die unerlässliche Freilandforschung und Züchtungsarbeit für Hochschulen, Forschungsinstitutionen und Unternehmen nur noch unter hohen finanziellen Haftungsrisiken bzw. gar nicht mehr möglich.“

Würde sich der DIB damit durchsetzen, müssten die Verbraucher in Zukunft Gen-Reis LL601 von Bayer schlucken. Die Verunreinigungen wären völlig legal. Greenpeace befürchtet, dass die deutsche Politik tatsächlich gewillt scheint, „diesem Generalangriff auf die gentechnikfreie Lebensmittelproduktion zuzustimmen“. Zwar habe Verbraucherminister Seehofer derartige Pläne bislang als unvereinbar mit dem EU-Recht bezeichnet, doch Forschungsministerin Annette Schavan unterstütze die Pläne der Gentechnikindustrie: In einem Schreiben an Greenpeace vom August 2006 habe sie sich für eine entsprechende Regelung im deutschen Gentechnikgesetz eingesetzt.

Greenpeace ruft in seinem Einkaufsnetz zu Protest-Mails an Bayer, den DIB und Bundesforschungsministerin Schavan auf.

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