Nachrichten | 20.1.2008

Gentechnikfrei-Kennzeichnung

Umwelt- und Verbraucherschützer jubeln – Futter- und Lebensmittelindustrie schimpft

Die Bundestagsfraktionen von CDU und SPD haben sich auf eine gemeinsame Formulierung für die Neufassung der Gentechnikfrei-Kennzeichnung geeinigt. Sie erlaubt es, tierische Lebensmittel als gentechnikfrei auszuloben, wenn die Futterpflanzen nicht genmanipuliert waren. Vitamine und Enzyme im Tierfutter dürfen jedoch von gentechnisch veränderten Mikroorganismen stammen. Bei der Weiterverarbeitung von Milch, Eiern oder Fleisch dürfen jedoch keine Zusatzstoffe oder Enzyme von gentechnisch veränderten Mikroorganismen mehr eingesetzt werden. Dieser Kompromiss soll zusammen mit der Novelle des Gentechnikgesetzes Ende Januar endgültig vom Bundestag verabschiedet werden.

Verbraucherzentrale, Foodwatch, Bio- und Umweltverbände begrüßten die Regelung freudig. „Damit kann der einzelne Verbraucher beim Einkauf endlich eine politische Entscheidung treffen, die Gentechnik auf dem Acker nicht zu unterstützen", sagte Thilo Bode von Foodwatch. „Biobauern werden geschützt, wenn ihre konventionellen Nachbarn motiviert werden, ebenfalls ohne Gentechnik zu arbeiten", begründete Felix Prinz zu Löwenstein vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft die Zustimmung der Bio-Branche.

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), Bauernverband und Raiffeisenverband sprachen dagegen einhellig von einer Verbrauchertäuschung. Die Zusatzstoffe in den Futtermitteln seien mit Gentechnik in Berührung gekommen und dürften deshalb nicht als gentechnikfrei bezeichnet werden. Die Verbände forderten, die bisherige Regelung beizubehalten.

Dieser Widerstand hat wirtschaftliche Hintergründe: Bisher erfährt der Verbraucher nicht, ob ein Tier mit genmanipulierten Futterpflanzen gefüttert wurde. Konventionelle Bauern die auf Gen-Soja und Gen-Mais im Futtertrog verzichteten, durften ihre Produkte nicht als gentechnikfrei ausloben. Denn die Futtermittel enthalten Vitamine und Enzyme, die aus gentechnikfreier Produktion gar nicht mehr oder nur sehr schwer zu beschaffen sind. Diese Einschränkung fällt nun weg. Ein Bauer, der auf Gen-Pflanzen im Futter verzichtet, darf damit werben. Wenn die Verbraucher solche Produkte dann auch verstärkt kaufen, geht der Absatz von Gen-Soja und Gen-Mais und damit das Geschäft der großen Futtermittelhersteller drastisch zurück. Betroffen sind auch große Molkereien wie Müller-Milch oder Billigfleisch-Anbieter, deren Bauern viel Soja als Mastfutter einsetzen.

„Das ist ein wichtiger Beitrag zum Natur- und Verbraucherschutz, weil erstmals erheblicher Druck auf Produzenten ausgeübt wird, keine gentechnisch veränderten Futtermittel einzusetzen. Der Verbraucher kann künftig entscheiden, ob er das Hähnchen kauft, das ohne Gen-Futter aufgewachsen ist oder das mit Gen-Soja aus Argentinien aufgezogen wurde“, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke

Anhörung im Ernährungsausschuss des Bundestages mit Stellungnahmen der Verbände
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