Nachrichten | 15.7.2008

Gentechnik durch die Hintertür

EU will Futtermittelimporte erleichtern

Mit einem Trick will die EU-Kommission die Einfuhr von Futtermittel erlauben, die mit Spuren nicht zugelassener gentechnisch veränderter Pflanzen (GVO) kontaminiert sind. Wie die Frankfurter Rundschau (FR) meldete, will die Kommission am Europaparlament und dem Ministerrat vorbei will unter Hinweis auf unsichere Analysemethoden eine neue Nachweisgrenze von 0,1 Prozent einführen. Bisher gab es keine Grenze. Bei Verunreinigungen mit manipuliertem Erbgut, das in der EU noch nicht zugelassen ist, gilt eine Null-Tolleranz.

Der FR liegt zudem ein Papier vor, in dem die Kommission argumentiert, die neue Grenze könne von den Mitgliedsstaaten auf Grund einer angenommenen Bandbreite der Testergebnisse sogar verdreifacht, also auf 0,3 Prozent angehoben werden. Der Vorstoß der EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou hat folgenden Hintergrund. 2009 kommen in Amerika neue Gen-Sojabohnen von Monsanto & Co auf den Markt. Diese Bohnen sind in der EU als Futtermittel nicht zugelassen. Fänden Kontrolleure in einer Ladung Soja eines der neuen Genkonstrukte als Verunreinigung, würde die ganze Ladung zurückgeschickt. Angesichts der angespannten Lage auf dem Futtermittelmarkt fordert die Agrarindustrie schon lange eine entsprechende Regelung und warnt vor Preisexplosionen und Futtermittelknappheit.

Der Anbauverband Bioland kritisierte die Pläne der Kommission: „Toleranzen gegenüber vom EU-Gesetzgeber nicht zugelassenen GVO stellten eine grobe Missachtung des Verbraucher- und Umweltschutzes dar“, sagte Bioland-Präsident Thomas Dosch. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sprach sich dafür aus, den Anbau heimischer Leguminosen zu fördern, um weniger abhängig von Soja-Importen zu werden.

Auf dem ersten weltweiten GVO-Analysekongress scheiterte der Versuch, die Analysemethoden für GVO global zu harmonisieren. Die Mehrheit der rund 500 Wissenschaftler aus über 70 Ländern hatte sich für das europäische DNA-Analyseverfahren als Standard ausgesprochen. Doch die USA beharren auf einem billigeren aber wesentlich ungenaueren Verfahren. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtete ausführlich über diese Tagung. Sie thematisierte auch, dass bereits jetzt Futtermittelimporte kaum kontrolliert würden und zudem für viele GVO die entsprechende Analytik fehle. Niemand wisse, wie viele illegale Gentech-Beimengungen in Importen aus aller Welt nach Europa gelangten, zitierte die SZ die Gentech-Expertin Janet Cotter von Greenpeace. Dies gelte vor allem für die vielen Genveränderungen, die bisher nur in Freiland-Experimenten erprobt werden, etwa Gentech-Pflanzen, die Medikamente oder Impfstoffe erzeugen sollen. „Da sie noch nirgendwo ein Zulassungsverfahren durchlaufen haben, liegen keine Referenzmaterialien und Testprotokolle vor“, sagte Cotter der SZ. Daher könne niemand ausschließen, dass Gene von Pharmapflanzen bereits in Lebensmitteln auf den Markt kommen. Die Risiken seien völlig unkalkulierbar.
powered by